Ex Libris: The New York Public Library. Dokumentarfilm von Frederick Wiseman

Ex LibrisDieser Film hat die furchteinflössende Länge von drei Stunden und 17 Minuten, und als er tatsächlich zu Ende ist, möchte ich eigentlich nur eines: ihn nochmals von vorne anschauen.

Um den Finger gewickelt hat mich Wiseman schon bei Minute drei. Seine Kamera hat mich über die mächtigen Stufen und an den ikonischen Löwen vorbei in die Gänge der Bibliotheksverwaltung geführt. Nun stehe ich vor den Telefonkojen des Kundendiensts, wo ein Mitarbeiter einem Anrufer im Tonfall unerschütterlicher Freundlichkeit erklärt, dass ein Einhorn aber ein magisches Tier sei.

Willkommen in der NYPL. Sie ist mit über 50 Millionen Medien eine der grössten Bibliotheken der Welt und legt sich mit ihren 92 Filialen wie ein weitverzweigtes Netz über die ganze Stadt. Die NYPL ist riesig, sie steht vor gigantischen Aufgaben und sie birgt ungeheure Schätze und Kuriositäten. Für ihre Benutzerinnen und Benutzer ist sie dennoch einfach ihre Bibliothek. Und so spielen in Wisemans Dokumentarfilm denn auch nicht die Medien und Sammlungsobjekte sondern die Menschen die Hauptrolle. Manche von ihnen sind weltberühmt: Patti Smith und Elvis Costello sind auf den Bühnen der Bibliothek zu Gast und erzählen in ungezwungenem Rahmen von ihrem Leben und ihrer Kunst. Andere sind charismatisch: der Direktor Tony Marx leitet die Direktionssitzungen leidenschaftlich inhaltlich. Es geht um die Einnahmen aus der Public-Private-Partnership und um den Umgang mit den zahlreichen Obdachlosen in den Bibliotheken. Wieder andere bleiben namenlos, Kundinnen und Bibliothekare, vereint durch ihre Anwesenheit an diesem Ort, auf den sie gemeinsam stolz sind.

Der Dokumentarfilm erkundet das vielfarbige NYPL-Filialnetz, von Harlem nach Brooklyn zur Wall Street. Wiseman lässt sich Zeit und lässt die Unterschiede wirken. Das Kerzenlichtdinner für die Sponsoren, die schmucklosen Kojen im Backoffice, die Weltstars auf der Bühne, die Alten beim Lindy Hop, die Gehörlosen, die Kinder. Wisemans Kamera fährt die Strukturen, Hierarchien und Missionen der NYPL ab. Er rückt eine demokratische Institution ins Bild, die sich mit Haut und Haaren der Bildung verschrieben hat und die dafür immer wieder neue Formen findet. Dieses Verständnis der Bibliothek, die sich in einem permanenten Veränderungsprozess befindet, wird mir im Kinosessel aber nicht wohlmeinend eingelöffelt. Ich muss es mir schon selbst zusammensetzen, indem ich der minutenlangen Budgetdiskussion ebenso folge wie dem ausführlichen Ausschnitt aus dem Autorengespräch. Frederick Wiseman, der erfahrene Dokumentarfilmer (*1930), gibt seine Neugier ungeschnitten an mich weiter, lässt mich schauen und staunen. Keine Stimme aus dem Off kommentiert die Arbeitsprozesse, die Angebote, die Finanzlage oder die Pläne der NYPL. Keine Einblendung erklärt, wer gerade spricht oder wo wir sind. Und doch ist alles ganz klar – hier in der NYPL, diesem Hotspot der Wissenskultur, die sich gerade in Zeiten schwindender Unterstützung für Bürgerrechte und Partizipation, für den freien Zugang zu Wissen und für das Recht auf Selbstverwirklichung stark macht.

Ex Libris: The New York Public Library, Länge: 3h17, Produktionsfirma: Zipporah Films, Filmstart Deutschland: 24. Oktober 2018

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